17.10.2011 – Die Königsetappe
Jörg 19. Oktober 2011
0730 – Frost – richtig schöner Frost! Die Fahrzeuge träumten unter ihrem Rauhreifkleid von den zurückliegenden Kilometern und die Gruppe schlief in Winterschlafsäcken als der UvD jeden Einzelnen sanft berührte und im Flüsterton sachte aus dem Land der Träume in den Wachzustand holte.
War der Gies krank?
Ja war er – wie fast alle anderen auch. Nur, dass es bei ihm die zarten Saiten seiner Seele zum Klingen brachte. Viele der Übrigen husteten und schnaubten sich dieselbe aus dem Leib und fühlten sich dem Krankenlager näher als dem Feldlager.
Medikamente mussten her um die Spannkraft der Truppe zurückzuholen und den alten Angriffsschwung wiederherzustellen.
Aber auch die Fahrzeuge brauchten etwas mehr Zuwendung. Immer nur Flüssigkeiten reinzuschütten reichte nicht. Mein Kübel schrie vor den anstehenden Bergabfahrten nach einer Revision und Einstellung der Bremsen und der GruKw zeigte eine Schwäche im Bereich der Trägerkonstruktion des Etagenbetts. Das Verdeck drohte hierdurch Schaden zu nehmen. Also musst dringend eine Scheuerstelle durch Wegflexen entschärft werden.
Alle Werkzeuge und Hilfsmittel waren in den Fahrzeugen verstaut, so dass eine kleine Gruppe die Instandsetzung betreiben konnte, während das Gros mit der letzten bayerischen Feldbahn, die noch gewerblich genutzt wird, eine Fahrt ins Torfabbaugebiet unternahm.
Bei klarem Himmel und der noch recht tief stehenden Sonne war dies ein überaus reizvolles Natur- und Technikerlebnis.
Im Moor angekommen hielt Robert, der Torfwerksbetreiber, vor seinem schönen Fuchs-Bagger einen kurzen Vortrag über seinen Betrieb und die Eigenheiten der Materie. Auch seine erlebnisreiche Jugendzeit im Moor und mit den diversen Fahrzeugen und Maschinen, die sein Vater besessen hatte kamen nicht zu kurz.
Als die Bahn wieder im Hof zum Stehen kam galt es zunächst einmal Basti zu begrüßen, der inzwischen mit seinem 8er San-Munga auf dem Hof erschienen war um sich für die Fahrt bis Füssen anzuschließen.
Die Gruppe VW181 / GruKw war inzwischen auch weiter gekommen und hatte die Reparaturarbeiten abgeschlossen. Die Bremseneinstellerei erwies sich bis auf das rechte Hinterrad als problemlos, hier war aber eine der Einstellmuttern derart fest, so daß das Rad samt Trommel abgenommen werden mußten. Mich erstaunte das ein wenig, so hatte ich die Bremse erst vor 2 Monaten überprüft, gängig gemacht und eingestellt.
Die anschließende Probefahrt nutzten Herr Gies und ich um bei einer Apotheke in der Nähe Taschentücher, Nasenspray, Hustensaft und weitere Arzneimittel einzukaufen. Auf dem Parkplatz der Apotheke geriet uns der Duft von firschem Leberkäse in die Nase, so daß wir kurzerhand in den angrenzenden Edeka einrückten, um uns dort mit regionaltypischen Leberkassemmeln einzudecken. Die Kassiererien freute sich sichtlich über unseren Anblick und erwähnte, daß seit der Schließung der beiden Kasernen sich ja fast kein Soldat mehr in die Gegend verirre. Sie diente selber 4 Jahre in der Sportfördergruppe der Bundeswehr.
Dann war es an der Zeit für die Verabschiedung von unseren gastegebenden Kameraden und pünktlich um 1130 rollte die „Erfahrene Heimat“ einem weiteren Höhepunkt entgegen.
Kurz hinter Bad Feilnbach ging es rechts steil bergan und von nun an jagte ein landschaftliches Highlight das andere.
Ich hatte mich kurz zuvor von der Gruppe getrennt um in einer auf der Fahrtstrecke liegenden Apotheke einen Immunsystembooster einzukaufen.
Dazu wechselte ich hinter das Steuer meines Kübels, fuhr am Ende der Kollonne, (machte dabei auch mal ein Foto vom fahrenden Hanomag) kaufte bei einer auftauchenden Apotheke eine Großpackung Orthomol und jagte der vorausfahrenden Gruppe in atemberaubender Fahrt die Serpentinen hinterher. Der Alfa- und Mercedesfahrer mögen mir meine Überholmanöver entschuldigen, die hatten wohl nicht damit gerechnet von einem Kübel auf der Innenseite einer übersichtlichen Kurve überholt zu werden. Die Kraft der Motorfrischzellenkur und des Bilsteinfahrwerkes machten dies möglich.
Eine kurze aber willkommene Unterbrechung stellte die Mittagsrast im Klosterbräustüberl in Benediktbeuren dar, wo wir vorzüglich speisten.
Im Biergarten der Klosterstube kam nun die Anstaltspackung Orthomol auf den Tisch. Nach kurzer Einweisung in die Einnahmeregeln warfen wir gemeinschaftlich die Medikamente ein und spülten mit der zugehörigen Vitaminbombe herunter. Morgen wird es die nächste Portion geben. Warten wir ab wie es wirkt und wer stärker ist. Die Seuche oder wir.
Nach dem Essen gingen wir auf die Fahrt um nun den Kochelsee zu passieren. Die Serpentinen und die herrliche Landschaft boten ein völlig anderes Fahrterlebnis und in allen Fahrzeugen rissen die Ahhs und Ohhs nicht ab.
A propos Abreissen: Dem Wolfi riss während dieser Etappe der Gaszug im Kübel. Sowas kommt vor, war aber mit der Hilfe der Besatzung Dortmunder “Schlusskübels” innerhalb von 15 Minuten wieder behoben.
Einen weiteren unplanmäßigen Halt mussten wir dann allerdings doch noch hinnehmen. Kurz nachdem uns Peter in Kaltenbrunn am Straßenrand abgepasst und sich der Kolonne angeschlossen hatte stellte sich in Garmisch-Partenkirchen ein Polizeibeamter in Zivil vor uns auf der Straße auf und hob seine Kelle. Hinter dem zivilen Fahrzeug mit aufgesetzter Magnetfuss-RKL aufgereiht stand nun unsere Fahrzeugreihe anstatt planmäßig zur Tankstelle in Oberau zu rollen.
Also sprang Freddy frisch vom Beifahrersitz des Führungsfahrzeugs um auf die Frage nach dem „WER, WIE, WAS“ mit einem geölten Kurzvortrag und der Präsentation der zugehörigen Belege zu Absicht, Zweck und UTE zu kontern. Inzwischen waren vier Beamte und zwei Streifenpolizisten auf dem Trottoir erschienen und die Mienen hellten sich merklich auf. Leider konnten wir nicht mit DER Schlagzeile dienen. Nett war die Reaktion eines Ermittlers, der beim Blick auf unsere Deutschlandroutenkarte mit einem spontanen „Jesses!“ reagierte. Dafür hatte sich der Stop schon gelohnt.
Nach zehn Minuten ging es weiter. Wir wollten nun die B12 vor Farchant verlassen um ihren früheren Verlauf nachzufahren. Doch nach der Ortsdurchfahrt versperrte eine unangekündigte Straßenbaustelle die Wiederauffahrt vollständig, so dass wir unter Mühen wenden und nun doch durch den neuen Tunnel fahren mussten. Das Dröhnen des Hanomags in der Röhre entschädigte uns hinreichend für den erzwungenen Umweg.
Bald darauf trafen wir an der Tankstelle in Oberau Aidan mit seinem Iltis. Er begleitete uns nun bis Füssen, während Peter sich schon beim Umkleidehalt vor der Österreichischen Grenze verabschiedete.
Die nun folgende Fahrt hinauf zum Plansee und an diesem entlang waren kaum zu überbieten. Bei herrlichem Sonnenschein aus genau richtiger Richtung prägten sich die Reize dieses Kleinods für immer ein. Menschen- und Fahrzeugleer präsentierte sich die Gegend. Unwiederbringlich schön!
Ich lasse einfach die Bilder meiner Nikon D50 sprechen.
Der Abstieg nach Füssen verlief reibungslos, weniger glatt lief die Fahrt durch Füssen, das wir über den alten Grenzübergang erreichten. Mehrere kurz hintereinanderliegende kleine Kreisverkehre in der verkehrswuseligen Altstadt zerstückten die Kolonne so wirkungsvoll, dass an dem nur wenige hundert Meter weiter gelegenen Kasernentor nach den ersten vier Fahrzeugen erst einmal lange gar nichts ankam, dann aber aus zwei Richtungen die Fahrzeuge in Kleingruppen erschienen.
Dubios, aber in dem Gewühl offenbar nicht zu vermeiden.
Auf dem Ex-Platz wurde nun geparkt, und Leutnant Rehse begrüßte uns. Außerdem machte uns ein Lokalredakteur seine Aufwartung, der lange Jahre als Kommandeur der heutigen Allgäu-Kaserne fungiert hatte.
Seine aufmunternde und wohlmeinende Ansprache nach den obligaten Fotos und Gesprächen taten gut. Nein – wegen Neuschwanstein waren wir tatsächlich nicht hier. Interessant, dass wir mit dieser Haltung die ersten Besucher waren.
Man hatte uns die Küche 15 Minuten länger aufgehalten, so dass wir in ordentlicher Ordnung zunächst dorthin verlegten, Hamburger aßen und anschließend in ebendieser Ordnung unsere Habseligkeiten in den Block der 1./GebAufklBat230 schufen.
Teile kehrten noch kurz in die UHG ein.
Zwischendurch wurde Basti verabschiedet, der leider wieder nach Hause zurückmusste.
Im Anschluss genossen wir die erstklassige Sanitärausstattung und zelebrierten jeder für sich eine anständige Menschwerdung.
Attraktionen waren bewusst nicht eingeplant, damit wir einmal etwas Schlaf nachholen konnten. Das Wochenende steckte Allen in den Knochen.
Es muss aber kurz erwähnt werden, dass diese Kaserne sicher eine der schönsten dieser Reise, wenn nicht der Bw ist. Die Gebirgstruppe ist schon etwas ganz Besonderes, was sich nicht in der allgegenwärtigen und stolz getragenen Bergmütze erschöpft.
Danke für diesen Tag!
Fazit des heutigen Tages: Die Heimat ist schön! Und Österreich kann stellenweise noch schöner sein!
- Oldtimer in Oliv auf großer Deutschlandfahrt 2011
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